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Beethoven und seine Kollegen

Hier wird Beethoven im Dezember 1770 geboren. In der kleinen kurkölnischen Residenzstadt erhält er ersten Unterricht auf den Instrumenten Klavier, Geige, Bratsche und in Kompositionslehre. Die Bonner Hofkapelle wird sein erster Arbeitsplatz.

Schon Beethovens Großvater war als Sänger am Bonner Hof angestellt. Später wurde er sogar Hofkapellmeister, nebenher betrieb er einen erfolgreichen Weinhandel.

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Ein Portrait eines Mannes mit Kopfbedeckung. Vor ihm liegen Noten.
Leopold Radoux: “Lodewijk van Beethoven”
Ludwig van Beethoven hat seinen Großvater Ludwig (Louis) van Beethoven, den Bassisten und späteren Kapellmeister von Clemens August, Kurfürst und Erzbischof von Köln, kaum gekannt, war er doch bei dessen Tod erst drei Jahre alt. Das Porträt des Großvaters hütete er jedoch stets wie einen Schatz, hängte es an sichtbarer Stelle auf und zeigte es stolz seinen Besuchern.

Beethovens erster prägender Lehrer ist der Bonner Hoforganist Christian Gottlob Neefe. Er gibt Beethoven Klavierunterricht und lehrt ihn Theorie und Komposition.

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Portrait eines Mannes im Profil. Er trägt die Hare auf barocke Weise gelockt.
Friedrich Rosenberg (ungesichert), Zeichner und Gottlob August Liebe, Radierer: “Bildnis des C. G. Neefe”
Der aus Chemnitz stammende Komponist kommt 1779 an den Rhein, wo er zunächst als Musikdirektor am kurfürstlichen Theater und ab 1782 als Hoforganist tätig ist. Hier komponiert er neben Instrumental- und Vokalmusik sehr erfolgreiche Singspiele, Operetten und Opern. Christian Gottlob Neefe gehört zu den wichtigsten Musiklehrern Beethovens in Bonn. Schnell erkennt er die Begabung seines Schützlings und schreibt 1783 in Cramers “Magazin der Musik” über ihn: “Er würde gewiss ein zweiter Wolfgang Amadeus Mozart werden, wenn er so fortschritte, wie er angefangen”.

Die Familie Ries ist eine bekannte Bonner Musikerdynastie. Sie ist eng mit der Familie Beethoven befreundet, wohnt in Bonn sogar in derselben Straße.

Johann Ries, geboren 1723, ist ein Mann vieler Talente. In der Bonner Hofkapelle wird er als Sänger, Trompeter und Geiger angestellt. Er tritt dem Orchester zur gleichen Zeit wie Beethovens Vater bei, bald wird Beethovens Großvater sein Vorgesetzter als Kapellmeister.

Johanns Sohn Franz Anton Ries, geboren 1755, ist Geiger in der Hofkapelle. Als Beethovens Mutter stirbt und der Vater in eine Krise stürzt, steht Franz Anton der Familie bei. Er unterrichtet den jugendlichen Beethoven auf der Geige, in der Bonner Hofkapelle wird Beethoven dann als Bratscher angestellt.

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Eine Geige liegt auf gelbem Grund.
Beethovens Bratsche aus Dienstzeiten (Beethoven-Haus Bonn)
Im Alter von 18 Jahren erhält Beethoven eine Anstellung als Bratschist samt dazugehörigem Dienst-Instrument in der Bonner Hofkapelle. Nachdem er Bonn verlassen hat, bleibt das Instrument bei Beethovens Geigenlehrer Franz Anton Ries, der ebenfalls Mitglied der Hofkapelle ist. Seine Nachkommen stellen die Bratsche dem Beethoven-Haus zur Verfügung, wo sie nach rund hundertjährigem Schweigen und anschließender Restaurierung im Jahr 2001 erstmals wieder erklingt und seitdem zu besonderen Gelegenheiten gespielt wird.

Das engste Verhältnis entwickelt Beethoven zu Franz’ Sohn Ferdinand Ries, der 1784 geboren wird und damit vierzehn Jahre jünger als Beethoven ist. Als Jugendlicher reist Ferdinand zu Beethoven nach Wien und wird von Beethoven, der sich an die lange Familienfreundschaft erinnert, herzlich aufgenommen. Ferdinand arbeitet viele Jahre für Beethoven und verfasst nach dessen Tod eine der ersten Biographien.

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Ein Mann schaut selbstbewusst aus dem Bild heraus. Er trägt einen Mantel.
Carl Mayer: “Ferdinand Ries”
Ferdinand Ries ist heute vor allem als Freund und Biograph Beethovens bekannt. Zu seinen Lebzeiten ist er jedoch ein in ganz Europa berühmter Klaviervirtuose und Komponist. Zwischen 1825 und 1837 leitet er achtmal die Niederrheinischen Musikfeste, die abwechselnd in Aachen, Düsseldorf und Köln stattfinden. Für diesen Anlass komponiert er mehrere Ouvertüren und seine beiden Oratorien. 1800/01 folgt der junge Ries seinem Jugendfreund Beethoven nach Wien, um dort sein Schüler zu werden. Zugleich dient er seinem Lehrer als „Privatsekretär“, Kopist und Klavierinterpret. Aus der Zusammenarbeit mit Beethoven erwächst eine lebenslange Freundschaft. Gemeinsam mit Franz Gerhard Wegeler verfasst Ries 1837 die „Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven“, eine bedeutende und zuverlässige Sammlung von Erinnerungen an seinen Freund und Lehrer, die wenige Monate nach seinem Tod 1838 in Koblenz erscheinen.

Mit 21 Jahren erhält Beethoven vom Kölner Kurfürsten die Erlaubnis, für einen weiteren Studienaufenthalt nach Wien zu reisen. Weil zwei Jahre darauf die französische Armee unter Napoleon in Bonn einmarschiert, bleibt Beethoven den Rest seines Lebens in Wien.

Nach Mozarts Tod im Jahr 1791 gehört Joseph Haydn zu den prominentesten Komponisten Wiens.

In Wien nimmt Haydn eine Auszeit von der bald dreißigjährigen Anstellung bei der ungarischen Adelsfamilie Esterházy und arbeitet als freier Musiker. Er genießt die Früchte seines ausgezeichneten Rufs – und die Wiener Caféhauskultur.

Beethoven bemüht sich in Wien schnell um Unterricht bei Haydn, den er zuvor in Bonn einmal getroffen hat. Das Verhältnis zwischen Haydn und Beethoven wurde wohl lange schlechter dargestellt, als es gewesen ist. Beide pflegen lebenslang Kontakt.

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Eine Partiturenseite mit Noten. Im Vordergrund liegt eine Feder.
Unterrichtsblatt Beethovens mit Eintragungen Haydns (GdM Wien)

Der Unterricht bei Haydn dauert nur etwa ein Jahr. Auf seine Vermittlung hin übernimmt Johann Georg Albrechtsberger, Kapellmeister am Stephansdom, Beethovens Ausbildung. Dreimal die Woche paukt Beethoven bei ihm den komplizierten doppelten Kontrapunkt. Auch dieser Unterricht dauert nur etwas über ein Jahr.

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Gemälde eines Mannes.
Leopold Kuppelwieser: “Johann Georg Albrechtsberger”
“Gehn Sie mir mit dem, der hat nichts gelernt, und er wird nie etwas Ordentliches machen!” So harsch reagiert angeblich Johann Georg Albrechtsberger, Domkapellmeister zu Sankt Stephan in Wien, als ihm ein befreundeter Geiger ein gerade frisch vollendetes Streichquartett des bereits prominenten Beethovens unter die Nase hält. Albrechtsberger gilt zu dieser Zeit als weltberühmter, allerdings auch erzkonservativer Kompositionslehrer. 15 Monate lang geht Beethoven ab 1794 dreimal wöchentlich zu Albrechtsberger in den Kontrapunktunterricht, erledigt gewissenhaft seine Hausaufgaben und setzt ordentlich Note gegen Note. Es ist handwerklicher Unterricht, kreativ lebt sich Beethoven in eigenen Werken aus.

Beethoven ist nicht nur Schüler, sein Leben lang gibt er als Klavierlehrer sein Wissen weiter. Neben Ferdinand Ries, der ihm von Bonn nach Wien folgt, gehört Carl Czerny zu den namhaftesten Klavierschülern Beethovens. Czerny ist zehn Jahre alt, als er Beethoven in Wien vorspielt. Im ersten Moment glaubt er, Robinson Crusoe zu begegnen, denn

Über die Jahre betrachtet hatte Beethoven mehr weibliche als männliche Klavierschüler. Über die Frauen wird heute allerdings nur noch gesprochen, wenn Beethoven erotisches Interesse an ihnen hatte. Geschichtsschreibung kann unfair sein…

Beethovens Ankunft in Wien verschreckt einen der Lieblinge der Wiener Konzertgänger: Johann Nepomuk Hummel wurde ebenfalls bei Haydn, Albrechtsberger und Salieri ausgebildet, war zusätzlich aber auch Privatschüler von Mozart. Er gehört zu den führenden Pianisten seiner Zeit, bekommt durch Beethoven allerdings Konkurrenz.

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GEmälde eines Mannes mit hängenden Schultern.
Frank Wrenk (?): “Johann Nepomuk Hummel” (Beethoven-Haus Bonn)
Johann Nepomuk Hummel, einer der größten Klaviervirtuosen seiner Zeit, gilt vielen als einziger ernst zunehmender Rivale Beethovens am Klavier. Bald bilden sich zwei Lager: Die Anhänger Hummels werfen Beethovens Spiel Mangel an Klarheit vor, während die Liebhaber Beethovens wiederum die monotone Spielweise und die „kreuzspinnenartige“ Haltung der Finger Hummels rügen, in dessen Kompositionen sie im Übrigen „bloße Bearbeitungen Mozart’scher und Haydn’scher Motive“ erkennen. Trotzdem pflegen beide zeitweise intensiven Austausch: Hummel leitet 1814 in einer oder mehreren Aufführungen von Beethovens Schlachtensinfonie “Wellingtons Sieg” (op. 91) das Schlagwerk, und als er 1816 Wien verlässt, schreibt Beethoven für ihn den Kanon “Ars longa, vita brevis” (WoO 170) als Abschiedsgruß.

Wie fast alle Beziehungen Beethovens ist auch diejenige zu Hummel ein ständiges Auf und Ab.

Wenige Jahre vor Beethovens Tod beginnt Hummel damit, die Sinfonien seines Freundes für Kammerensemble spielbar zu machen:

Angesichts der Streitigkeiten, die Beethoven in großer Regelmäßigkeit führt, haben viele seiner Freundschaften eine erstaunliche Halbwertszeit.

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Zeichnung eines Mannes in einem Bett. Er scheint friedlich zu schlafen.
Josef Teltscher: “Beethoven auf dem Sterbebett”

Die Trauerfeierlichkeiten zu Beethovens Tod im März 1827 zeigen noch einmal seine Bedeutung im Musikleben seiner Zeit. Einer der Sargträger ist Hummel, einer der Fackelträger der junge Franz Schubert, der sich von seinem Idol bei einem Besuch kurz zuvor verabschieden konnte. Beethovens Kollegen und Freunde wissen, was sie mit ihm verloren haben.

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Gemälde einer Menschenmasse, die eine Kutsche begleitet, die eine Kutsche, die einen Sarg geladen hat
Franz Xaver Stöber: “Beethovens Leichenzug vor dem ehemaligen Schwarzspanierkloster in Wien” (Beethoven-Haus Bonn)
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